Die kommunikative Konstruktion alternativer Zukunftsvisionen und Gegenwartspraktiken in „der Zeit danach“
Wie prägen Zukunftsvorstellungen gesellschaftlichen Wandel – und wie wirken sie in Zeiten multipler Krisen auf kollektive Identitäten zurück? Die Dissertation untersucht konkurrierende Visionen für eine Zeit nach einem möglichen gesellschaftlichen Zusammenbruch und analysiert, wie unterschiedliche Akteure – von sozialen Bewegungen bis zu staatlichen Institutionen – Zukunftsszenarien nutzen, um Orientierung, Handlungsfähigkeit und Gemeinschaft zu erzeugen. Dabei zeigt die Arbeit, wie machtvoll und zugleich fragil Zukunftsentwürfe in digitalen Öffentlichkeiten verhandelt werden und welchen Beitrag sie zur gesellschaftlichen Fragmentierung oder Stabilisierung leisten.
Medienwandel und langfristige Transformationsprozesse lassen sich nicht nur rekonstruktiv und retrospektiv analysieren, sondern auch mit Bezug auf die Zukunft und deren Gestaltung denken. Ziel der Dissertation ist es daher, die Rolleunterschiedlicher Zukunftsentwürfe im Kontext gesellschaftlicher und medialer Transformationsprozesse zu betrachten und zu verstehen, wie diese Orientierung und Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten ermöglichen. Gesellschaftliche und mediale Transformationsprozesse treffen gegenwärtig auf multiple Krisen und wachsende Unsicherheiten, wodurch die Welt als zunehmend komplex und kaum beeinflussbar erlebt wird. Die Vorstellung von Zukunft – individuell wie kollektiv – ist dabei eng mit Emotionen wie Hoffnung und Nostalgie, Angst oder Bedrohung verknüpft; zugleich bietet sie Orientierung und Sicherheit, indem Handlungsmöglichkeiten und Praktiken in der Gegenwart aufgezeigt werden, um die Realisierung angestrebter Zukünfte zu begünstigen oder negativer Visionen abzuwehren. Als wirkungsvolles Mobilisierungsinstrument sind Zukunftsentwürfe und die damit verbundenen Legitimationen darüber, wer oder was als wegweisend gilt, nicht nur umkämpft, sondern auch zunehmend fragil. Das schwindende Vertrauen in demokratische Institutionen und epistemische Autoritäten sowie die zunehmende Fragmentierung von Deutungsmacht in digitalen Öffentlichkeiten erschweren die Herausbildung einer gemeinsamen, hegemonialen Imagination gesellschaftlicher Zukunft.
Vor diesem Hintergrund untersucht die Dissertation konkurrierende Zukunftsvisionen für eine etwaige Zeit nach dem Zusammenbruch der aktuellen Gesellschaftsordnung, dem sogenannten „Day Zero“, und ihre Strategien, dessen Eintreten zu verhindern, zu beschleunigen oder dafür gewappnet zu sein. Aufbauend auf der Analyse der (Online-)Kommunikation alternativer aktivistischer Formationen – wie der extremen Rechten, linker Widerstandsbewegungen oder Prepper-Bewegungen –, bis hin zu staatlich agierenden Akteuren (etwa dem Militär), fragt die Arbeit: Welche Szenarien der Zukunft fordern welches Handeln, von wem, in der Gegenwart? Welche Visionen liegen ihnen zugrunde, und wie werden sie legitimiert? Welche Rolle spielt (Online-)Kommunikation bei der Hervorbringung und Stabilisierung dieser Visionen? Wie wirkt sie als sozialer Mechanismus, durch welchen kollektive Zugehörigkeit und Gemeinschaft hergestellt, erfahrbar gemacht sowie mobilisiert wird? Die Arbeit trägt so zum Verständnis gegenwärtiger Prozesse gesellschaftlicher Fragmentierung bei, indem sie offenlegt, wie konkurrierende Visionen der Zukunft zur Formierung, Stabilisierung oder Infragestellung kollektiver Identitäten und gegenwärtiger Praktiken beitragen.